Wer sich tiefer mit Vintage-Objektiven beschäftigt, stößt früher oder später auf ein ungewöhnliches Thema: Einige der begehrtesten Gläser der Nachkriegszeit enthalten radioaktives Material. Thoriumdioxid, eingeschmolzen direkt ins Linsenglas, war von den 1950er- bis in die 1970er-Jahre ein Werkstoff, der für damalige Verhältnisse außergewöhnliche optische Eigenschaften ermöglichte. Was steckt hinter diesem Phänomen, welche Objektive sind betroffen, und wie gefährlich ist der Umgang damit wirklich?
Radioaktive Objektive und die optischen Vorteile von Thoriumglas
Der Grund, warum führende Hersteller Thoriumglas einsetzten, war rein optischer Natur.
Das Material vereint einen hohen Brechungsindex mit einer sehr geringen Dispersion. Auf praktische Begriffe heruntergebrochen bedeutet das: Licht wird stark gebrochen, aber wenig aufgefächert.
Chromatische Aberrationen, also Farbsäume an Kontrastkanten, ließen sich damit drastisch reduzieren. Dazu kam ein konstruktiver Vorteil. Durch die hohe Lichtbrechung konnten Linsen flacher geschliffen werden. Das ermöglichte kompaktere Bauformen bei gleichzeitig hoher Lichtstärke. Objektive mit Blende f/1,4 oder f/1,2 wären in dieser Qualität ohne Thoriumglas kaum realisierbar gewesen.
Ein angenehmer Nebeneffekt der Vergilbung ist eine Art eingebauter Gelbfilter. Beim Schwarzweißfotografieren sorgt das für einen natürlichen, satten Kontrast, den viele Fotografen bis heute schätzen.
Bekannte radioaktive Objektive mit Thoriumglas
Mehrere klassische Objektive sind bekannt für ihren Thoriumanteil.
Leica Summicron f/2 5cm
Mein persönlicher favorit, das Leica Summicron 2/50mm in früher Produktion ab Seriennummer 920000 ist eines der bekanntesten Beispiele. Leica stellte das zusammenschiebbare Summicron 1951 zunächst im M39-Gewinde vor. Die Vergilbung ist bei diesen Exemplaren oft deutlich sichtbar und unterscheidet sie äußerlich klar von späteren Versionen. Zu beachten ist, dass nicht alle Objektive dieses Seriennummernkreises Thoriumglas enthalten. Leica experimentierte zu dieser Zeit intensiv mit verschiedenen Glassorten, auch in der Serienproduktion.
Pentax SMC Takumar f/1.4 50mm
Das Pentax SMC Takumar 1,4/50mm aus den 1970er-Jahren ist aus dem anderen Ende des Preissegments: ein zugängliches, robustes Objektiv im M42-Gewinde, das sich über Adapter problemlos an nahezu jede spiegellose Kamera montieren lässt. Die thoriumhaltige Hinterlinse ist der Grund für die charakteristische Vergelbung vieler Exemplare. Die SMC-Vergütung liefert dazu hervorragenden Kontrast, auch gegen das Licht.
Voigtländer Apo Lanthar f/4,5 105mm
Das Voigtländer Apo-Lanthar 4,5/105mm aus den 1950er-Jahren ist ein Makroobjektiv mit messbarem Thoriumgehalt. Das Thoriumdioxid sitzt hier nicht in einer Beschichtung, sondern im Glas selbst. Die Abbildungsleistung ist für ein Objektiv dieser Ära außergewöhnlich scharf. Aktuelle Apo-Lanthar-Modelle von Voigtländer enthalten kein Thorium.
Wie kam Thorium ins Objektiv?
Die Geschichte beginnt in der Glaschemie der frühen Nachkriegszeit. Optikingenieure suchten damals intensiv nach Gläsern mit einem hohen Brechungsindex bei gleichzeitig niedriger Dispersion. Diese Kombination ist in der Natur selten und in der Glasherstellung schwer zu erreichen.
Die meisten Materialien, die stark brechen, fächern Licht auch stark auf. Das Ergebnis sind chromatische Aberrationen, also Farbsäume, die Objektive minderwertig wirken lassen. Thoriumdioxid löste dieses Problem. Bereits kleine Mengen veränderten die optischen Eigenschaften des Glases erheblich. Bei höheren Anteilen, in manchen Rezepturen bis zu 30 Prozent des Gesamtgewichts, wurden Brechungsindizes erreicht, die mit konventionellen Materialien nicht darstellbar waren.
Der Herstellungsprozess war dabei nicht grundlegend anders als bei gewöhnlichem optischem Glas. Thoriumdioxid wurde als Pulver in die Schmelze eingebracht und gleichmäßig eingearbeitet. Das fertige Glas enthält das Thorium homogen verteilt im gesamten Linsenkörper, nicht als Schicht oder Beschichtung.
Beim Schleifen und Polieren verhält es sich wie herkömmliches Spezialglas. Die Radioaktivität war den Herstellern bekannt, wurde aber anders bewertet als heute.
Erstens galten die Strahlenwerte bei typischer Objektivnutzung als vernachlässigbar gering.
Zweitens war das Bewusstsein für Langzeitrisiken durch Niedrigstrahlung in den 1950er- und 1960er-Jahren noch wenig ausgeprägt.
Drittens gab es für lange Zeit schlicht keine gleichwertige Alternative.
Lanthanglas, das heute in Hochleistungsobjektiven Standard ist, war noch nicht in der Qualität verfügbar, die Thoriumglas bot.
Ab den 1970er-Jahren endete der Einsatz schrittweise.
Die Fortschritte in der Lanthanglas-Chemie machten Thorium überflüssig. Gleichzeitig wurden die Strahlenschutzvorschriften in den meisten Ländern verschärft, und der Umgang mit thoriumhaltigen Rohmaterialien in der Produktion wurde aufwändiger und kostspieliger.
Heute enthalten keine handelsüblichen Fotoobjektive mehr Thoriumglas. Was geblieben ist, sind die Altbestände in Sammlungen und auf dem Gebrauchtmarkt.
Messung mit einem Geigerzähler
Wir haben im Haus zwei Summicron-Objektive mit einem Geigerzähler gemessen: ein Standardexemplar ohne Thoriumglas und ein frühes Thorium-Summicron.
Das Ergebnis: Das Thorium-Objektiv bringt den Geigerzähler messbar zum Ausschlagen, das Standardobjektiv nicht. Der gemessene Wert lag bei 2,25 Mikrosievert pro Stunde.
Zum Vergleich: Die natürliche Hintergrundstrahlung in Deutschland beträgt je nach Region zwischen 0,1 und 0,3 Mikrosievert pro Stunde. Das Thorium-Objektiv liegt also darüber, ist aber für gelegentlichen Gebrauch unbedenklich.
Wer das Objektiv täglich am Körper trägt und dabei 24 Stunden pro Tag einer Belastung von 2,25 mSv/h ausgesetzt wäre, käme rein rechnerisch auf knapp 20 mSv im Jahr. Dieser Wert würde den empfohlenen Jahresgrenzwert für die Allgemeinbevölkerung von 1 mSv überschreiten. Allerdings ist dieses Szenario unrealistisch: Niemand trägt ein Objektiv durchgehend am Körper. Die eigentliche Belastung im Alltag ist ein Bruchteil dieses theoretischen Maximums.
Unbedenklich für Normalnutzer, Vorsicht für Dauernutzer
Für Fotografen, die ein Thorium-Objektiv gelegentlich einsetzen, besteht kein nennenswertes Risiko. Die Alphastrahlen, die Thorium aussendet, werden bereits nach wenigen Zentimetern in der Luft abgebremst und dringen nicht durch die Haut.
Die Strahlung erreicht den Körper kaum, wenn das Objektiv an der Kamera hängt oder im Regal steht. Anders ist die Situation für Berufsfotografen, die ein Objektiv täglich stundenlang nahe am Körper tragen. In diesem Fall ist ein Thorium-Glas als Standardoptik am Gurt eher nicht empfehlenswert.
Als gelegentlich eingesetztes Sammlerstück oder für besondere Aufnahmen spricht dagegen nichts.
Haben Sie vielleicht auch ein paar radioaktive Objektive zu Hause, die Sie nicht mehr benötigen oder verkaufen möchten?
Füllen Sie jetzt unverbindlich das untenstehende Formular aus oder schicken Sie uns einfach eine Ankaufsanfrage über WhatsApp.
Hinweis: Wir sind Kamerahändler, keine Physiker oder Mediziner. Wer konkrete gesundheitliche Fragen hat, wendet sich bitte an entsprechende Fachleute. Beim Kauf eines Thorium-Objektivs im Ausland sollten Einreisebestimmungen beachtet werden. Einige Länder haben strenge Regelungen für den Transport radioaktiver Materialien. Weitere Infos hier.
Kann man die Strahlung von radioaktiven Objektiven spüren?
Selbstexperiment:
Ein befreundeter Kameratechniker, der sich auch an komplexe Reparaturen herantraut, behauptet seit Jahren, Thorium-Objektive spüren zu können. Kribbeln in den Fingern, Kopfschmerzen. Er fasst sie grundsätzlich nicht an.
Da er zu gelegentlich abergläubischen Einschätzungen neigt, habe ich das lange belächelt. Dann kam mir die Frage:
Was, wenn er recht hat?
Ich habe ein kleines Experiment gemacht. Drei Personen ohne jeden Kamerabezug bekamen je ein Objektiv in jede Hand, mit geschlossenen Augen. In einer Hand das Standard-Summicron, in der anderen das Thorium-Exemplar. Nach etwa einer Minute fragte ich, ob sie irgendeinen Unterschied wahrnehmen und welches Objektiv radioaktiv sein könnte.
Alle drei lagen richtig.
Unabhängig voneinander beschrieben sie in der Hand mit dem Thorium-Objektiv ein Kribbeln und das Gefühl, den eigenen Puls zu spüren.
Was das bedeutet, weiß ich nicht.
Alphastrahlen werden nach wenigen Zentimetern in der Luft abgebremst und durchdringen keine Haut. Eine direkt spürbare Strahlenwirkung ist nach aktuellem Kenntnisstand ausgeschlossen.
Placebo-Effekt, Zufall, Eigensuggestion nach der Ankündigung "eines der beiden ist radioaktiv" all das ist mindestens genauso wahrscheinlich.
Drei Testpersonen sind keine wissenschaftliche Studie zur radioaktiven Kameraobjektive. Dennoch: Das Ergebnis war eindeutiger, als ich erwartet hatte. Wer selbst ein Thorium-Objektiv zur Hand hat, kann das Experiment gerne mit Freunden wiederholen. Mich würde interessieren, ob andere zu ähnlichen Ergebnissen kommen.
Thorium-Objektive sind ein faszinierender Teil der Fotogeschichte.
Sie entstanden in einer Zeit, als Hersteller mit Materialien experimentierten, die aus heutiger Perspektive undenkbar wären. Die optischen Eigenschaften, die Thoriumglas ermöglichte, sind bis heute spürbar: scharfe Abbildung, geringer Farbfehler, charakteristischer Bildcharakter.
Viele dieser Objektive haben einen überdurchschnittlichen Sammlerwert, besonders bei gut erhaltener Vergilbung als sichtbarem Erkennungsmerkmal. Wer neugierig ist, findet mit dem Pentax SMC Takumar einen erschwinglichen Einstieg. Das frühe Summicron oder das Voigtländer Apo-Lanthar richten sich eher an erfahrene Sammler.
JBV Vintage & Collectable in Nürnberg führt regelmäßig Objektive aus dieser Epoche, darunter gelegentlich auch Thorium-Exemplare.
Bei Fragen zu einem konkreten Stück stehen wir werktags per E-Mail zur Verfügung.
Eine lückenlose Gesamtliste aller je produzierten radioaktiven Objektive existiert nicht. Es gibt jedoch einige sehr umfangreiche Übersichten, und wir haben für euch versucht, eine praktisch vollständige Liste zu rekonstruieren.
Die öffentliche Dokumentation ist unvollständig: Viele Angaben basieren auf Geiger-Messungen einzelner Exemplare, und oft sind nur bestimmte Varianten/Serien eines Modells (z.B. frühe Chargen, bestimmte Rechnungen).
Nach aktuellem Stand nachgewiesene radioaktive Linsen:
Leica:
- Summicron 5 cm f/2 collapsible (LTM/M39)
- ein Teil der späten Ernst Leitz Wetzlar Summicron 5 cm f/2, klappbar, Schraubgewinde (M39/LTM)
Leitz verwendete zunächst ein Thorium‑haltiges Glas ("SBC", wohl von Chance Brothers UK) und stellte dann ab ca. 1954 auf ein lanthanhaltiges Schott‑Glas (LaK9) um, das praktisch nicht mehr relevant radioaktiv ist. - Möglicherweise radioaktiv / rare‑earth: bestimmte Summitar 5 cm f/2
- Leitz‑Wetzlar Macro‑Elmarit‑R 60 mm 1:2.8 (R‑Bajonett)
- und ggf. sehr frühe starr gebaute Summicron 50 mm f/2
Wichtig: Leica‑M‑Summicron 50 mm f/2 (rigid/dual range etc.) werden in Sammlerartikeln vor allem als "rare earth glass" (Lanthan, teils Thorium) beschrieben; die Messwerte liegen i.d.R. deutlich niedriger als bei klassischen Takumaren oder Aero‑Ektaren.
Canon (Rangefinder, FL, frühe FD, Pellix)
Canon hat thorierte Gläser vor allem in schnellen Normal‑ und Weitwinkelobjektiven der 1950er -> 1970er eingesetzt.
- Canon 35 mm f/1.5 LTM
- Canon 50 mm f/1.2 LTM (teilweise in Diskussion, aber in Radioaktiv‑Listen aufgeführt)
- Canon Pellix 50 mm (Spezialobjektiv für Pellix, Ayton nennt es explizit)
- Canon FL 50 mm f/1.4 (frühe Versionen, sehr hohe Messwerte am Hinterelement)
- Canon FL 50 mm f/1.8 (frühe „graphic hyperfocal scale“-Variante)
- Canon FL 58 mm f/1.2 (mehrere frühe Serien, stark radioaktiv am Hinterelement)
- Canon FD 17 mm f/4 (nicht‑SSC Version)
- Canon FD S.S.C. 20 mm f/2.8 (radioaktiv am Hinterelement)
- Canon FD 24 mm f/2.8 (frühe „chrome nose“-Version leicht radioaktiv)
- Canon FD 35 mm f/2 (frühe konkave Frontlinsen‑Version)
- Canon FD L 50 mm f/1.2 (frühe Versionen)
- Canon FD S.S.C. Aspherical 55 mm f/1.2 (Aspherical-Version deutlich radioaktiv, die normale S.S.C. 55/1.2 nicht)
- Canon TV Zoom J6x13 13–76 mm f/1.9 (TV‑Zoomobjektiv)
Carl Zeiss Jena / Zeiss
Vor allem einige DDR‑Zeiss‑Linsen für Praktica/Hasselblad/Pentacon Six zeigen Thorium‑Einsatz.
- Carl Zeiss Jena Pancolar 55 mm f/1.4
- Carl Zeiss Jena Pancolar 50 mm f/1.8 (frühe Zebra‑Versionen)
- Carl Zeiss Jena Biometar 80 mm f/2.8 (P6‑Version)
- Carl Zeiss Jena Flektogon 20 mm f/4 (Exakta)
- Carl Zeiss Jena Flektogon 50 mm f/4 (P6, Pre‑Zebra und Zebra mit hohen Messwerten)
- Carl Zeiss Sonnar 180 mm f/4.8 (für Linhof Super Technika 6x9)
- Carl Zeiss Jena Prakticar 50 mm f/1.4 (erste Version)
- Schneider‑Kreuznach Xenotar 80 mm f/2.8 (Rolleiflex 2.8C) und Schneider‑Kreuznach 135 mm f/3.5 zeigen ebenfalls messbare Radioaktivität und werden in vielen "Zeiss/Rolleiflex"‑Sammlerlisten mitgeführt.
Asahi Pentax / Takumar
Pentax/Asahi ist die vielleicht bekannteste "radioaktive" Familie, vor allem durch die Takumare. Wesentliche radioaktive Linsen laut Messungen:
- Super‑Takumar 50 mm f/1.4 (7‑Linsen‑Version; die 8‑Linsen‑Version gilt in Messreihen als nicht thoriert)
- Super‑Multi‑Coated / SMC Takumar 50 mm f/1.4 (spätere M42‑Versionen)
- Super‑Takumar 55 mm f/1.8 und 55 mm f/2.0 (größte Teil der späteren Serien; frühe Serien < ca. 1,5 Mio eher nicht radioaktiv)
- Super‑Multi‑Coated Takumar 55 mm f/1.8 (klar radioaktiv gemessen)
- SMC Takumar 55 mm f/1.8 und 55 mm f/2.0 (nicht alle Serien, aber viele)
- Super‑Takumar / SMC Takumar 35 mm f/2.0
- SMC Takumar 20 mm f/4.5
- diverse Macro‑Takumar / Super‑Macro‑Takumar 50 mm f/4 (frühe 1:1‑Version extrem hohe Messwerte am Hinterelement)
- Super‑Multi‑Coated Takumar / SMC Takumar 85 mm f/1.8
- Tele‑Takumar 300 mm f/6.3 (Messungen zeigen leichte Radioaktivität)
- SMC Pentax 35 mm f/2.0 der ursprünglichen „K‑Line“ (frühe Chargen radioaktiv)
- SMC Pentax 50 mm f/1.4 (erste K‑Serie)
- SMC Pentax‑Q 06 Telephoto Zoom 15–45 mm f/2.8 zeigt leichte, aber messbare Aktivität (weit unter Takumar‑Niveau)
https://camera-wiki.org/wiki/Radioactive_lenses
https://camerapedia.fandom.com/wiki/Radioactive_lenses
https://www.diva-portal.org/smash/get/diva2:652338/FULLTEXT01.pdf
https://www.orau.org/health-physics-museum/collection/consumer/products-containing-thorium/camera-lens.html
https://www.ayton.id.au/wiki/doku.php?id=photo%3Alenses_radioactive
https://japb.net/2020/10/radioactive-lenses/
https://dendriet.nl/projects/radioactive-lenses
https://lenslegend.com/radioactive-lenses/
https://github.com/norayr/radioactive_lenses
https://hackaday.com/2021/08/07/everything-you-always-wanted-to-know-about-radioactive-lenses/
https://cameralenshub.com/why-are-camera-lenses-radioactive/
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